Archiv für die Kategorie ‘Kranker Scheiss’

Silentium (DVD)

Oktober 6, 2009

Nachdem mir „Der Knochenmann“ neulich Spaß gemacht hat hab ich mir mit „Silentium“ nun die zweite Verfilmung eines Wolf Haas-Romans angesehen. Dieses mal hat es den Ex-Polizisten Brenner (Joseph Hader) nach Salzburg verschlagen, wo er sich als Kaufhausdetektiv verdingt und die Festspiele gerade in vollem Gang sind. Ein Selbstmörder aus gutem Hause zerstört die vermeidliche Idylle, denn seine Frau glaubt nicht an einen Selbstmord. Sie hält einen Bischof für verantwortlich, der sich an kleinen Jungs vergangen haben soll – unter anderem eben vor Jahren auch an ihrem Gatten.

Brenner willigt ein, sich mal ein wenig umzuschauen im Kloster, und stößt dabei noch auf ganz andere Ungereimtheiten. Und was machen all die asiatischen Mädchen eigentlich in Salzburg? Die etwas heruntergekommene, aber nie um einen Spruch oder eine Idee verlegene Figur Brenner macht auch in „Silentium“ viel Spaß, ebenso die Story. Heimlicher Hauptdarsteller ist aber die Sprache, die österreichische Mundart ist nicht immer leicht zu verstehen, hat aber großen Charme. Und wenn darin solche Dialoge gesprochen werden sorgt das für äußerst vergnügliche Momente:

Frau des Selbstmörders: „Sie funktionieren nicht über Geld, und auch nicht über Ansehen. Wie funktionieren sie eigentlich?“
Brenner: „Ich glaub ich funktionier einfach nicht.“

Was aber natürlich nicht stimmt, denn Brenner funktioniert so wie viele der großen Privatdetektive in Kino und Literatur – nach seinen eigenen Regeln und seinem eigenen moralischen Kompass. „Silentium“ ist ein guter Krimi mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik, zuweilen nah an einer Satire. Aber weil Brenner sein Herz am rechten Fleck trägt hat der Film ein zutiefst menschliches Fundament, und dazu auch eine ordentliche Portion Humor.

Mit „Das ewige Leben“ soll 2011 übrigens ein vierter Brenner-Film erscheinen. Bis dahin habe ich mindestens auch den ersten gesehen („Komm, süsser Tod“), und vielleicht auch mal einen der Romane in die Hand genommen. Dann wüsste ich bei „Das ewige Leben“ zwar schon worum es geht, könnte aber mal näheres dazu sagen, ob die Filme den Büchern ebenbürtig sind, oder andersrum…

8/10

Der Knochenmann (DVD)

Oktober 4, 2009

Ich kann ja nicht behaupten, Ahnung vom österreichischen Kino zu haben. Ich kenn’ eigentlich nur Michael Haneke, und vom dem genau zwei Filme. Mit dem „Knochemann“ bin ich nun falsch rum in eine Reihe von Krimis (Regie: Wolfgang Murnberger) eingestiegen, die auf Romanen von Wolf Haas basieren – von dem ich nie was gelesen habe. Joseph Hader spielt hier den Ex-Bullen Brenner, den es bei einem Inkasso-Job aufs Land verschlägt. Mit seinem eigentlichen Auftrag kommt er nicht weiter, aber die verschrobenen Typen im Wirtshaus von Patriarch Löschenkohl (Josef Bierbichler) haben es ihm irgendwie angetan.

Die Dinge im Wirtshaus liegen kompliziert. Pauli, der wenig liebenswerte Sohn des Hauses, glaubt, sein Vater bringe sein Erbe durch, doch der Alte hat ganz andere Sorgen – die mit einem Freudenhaus in Bratislava zusammenhängen. Brenner wiederum bekommt all das eher am Rande mit und hat nur Augen für Birgit (Birgit Minichmayr), die allerdings Paulis Frau ist. Außerdem dabei sind zwei russische Gangster samt Gangsterbraut, einige unappetitliche Szenen mit einem Fleischwolf, und der ganz normale Wahnsinn auf dem Lande…

Ein klassischer Krimi ist der Film eher nicht, denn die Aufklärung der – nicht wenigen – Verbrechen steht nicht im Vordergrund, sondern findet eigentlich eher nebenbei statt. Zudem ist Brenner kein „Ersatz-Kommissar“, sondern interessierter, selten involvierter Zuschauer. Und insgesamt blickt niemand genau durch, was eigentlich gespielt wird, die Informationen fließen spärlich und meist unfreiwillig. Spaß macht „Der Knochenmann“ trotzdem, vor allem das urige Milieu, die glänzenden Schauspieler und die Unaufgeregtheit der Inszenierung überzeugen. Ich will mal hoffen, dass „Komm Süßer Tod“ und „Silentium“, die anderen beiden Filme dieser Reihe, ähnliche Qualitäten haben, ob dem so ist werde ich hier natürlich berichten…

8/10

District 9 [Spoilers!]

September 11, 2009

Die Vorschusslorbeeren für „District 9″ waren groß, neben dem guten US-Kinostart hat sich der Film auch beim Publikum extrem beliebt gemacht und es gleich in die Top 250 der IMDB gebracht. Weil man das Momentum mitnehmen wollte hat sich Sony Pictures, der hiesige Verleih des unabhängig produzierten Films, entschieden den Kinostart vorzuziehen, vom 22. Oktober auf den 10. September. Der große Saal im Cinestar am Potsdamer Platz war dann auch gut gefüllt, allerdings längst nicht so brechend voll wie jüngst bei den „Inglourious Basterds“.

„District 9″ gibt sich zu Beginn als Dokumentation aus, in Interviews und wackligen Fernsehbildern erfährt das Publikum, was eigentlich los ist. Folgendes ist los: Ein Raumschiff mit mehreren Hundertausend Aliens ist über Johannesburg zum Stillstand gekommen. Was die Aliens – wenn überhaupt irgendwas – auf der Erde wollten ist unklar. Mangels Alternativen werden die unfreiwilligen Erdbewohner in einem abgezäunten Bezirk untergebracht, der schnell zum Ghetto gedeiht. Die Behörden sind überfordert und beauftragen einen Waffenkonzern mit der Evakuierung der Aliens in ein außerhalb der Stadt gelegenes Gebiet.

Diese Operation soll Wikus Van De Merwe leiten, ein redseliger, etwas unbeholfener Angestellter des Konzerns MNU, und zufällig Schwiegersohn von dessen Boss. Die Zwangsumsiedlung gerät zu einer brutalen Farce, bei der sich Van De Merwe eine Art Alien-Virus einfängt – er mutiert schrittweise selbst zum Alien. Hier ändert sich die Perspektive, nicht mehr pseudo-dokumentarische Archivaufnahmen bestimmen das Geschehen, sondern eher klassische Einstellungen. Van De Merwe wird zum Versuchskaninchen seines Arbeitgebers, der auf Erkentnisse hofft, wie man die konfeszierten Waffen der Aliens endlich auch für Menschen nutzbar machen kann. Van De Merwe kann fliehen und sucht im Ghetto von „District 9″ nach einem Ausweg.

Vom Ton her erinnert der Film ein wenig an Verhoevens „Starship Troopers“, auch hier wird an beißender Satire nicht gespart. Der Hass der Militärs und auch der Bürger der Stadt auf die ungewollten neuen Nachbarn kennt schnell keine Grenzen mehr, kaum jemand stört sich an dem erbärmlichen Ghetto-Dasein, in das die Aliens gezwungen werden. Erst durch die „Verwandlung“ der Hauptfigur ändert sich der Blick auf die Lage. Das Publikum fiebert mit Van De Merwe mit, dem als Verbündete ja nur die Aliens bleiben, wenn er nicht auf dem Seziertisch seiner Bosse landen will. Hier wird „District 9″ dann zu einem eher konventionellen Actionfilm, ohne aber seinen scharfen Ton zu verlieren.

Weil er ohne bekannte Schauspieler auskommt und offenbar sehr günstig in Johannesburg und Neuseeland drehen konnte, reichte dem Regisseur Neil Blomkamp ein Budget von $ 30 Mio., um seine Story zu realisieren. Die Effekte sind trotzdem überzeugend, Raumschiff und Aliens sind erstklassig umgesetzt. Die Thematik von Apartheid (ausgerechnet in Johannesburg) am Beispiel einer Alien-Invasion aufzugreifen ist mutig, und das Drehbuch clever genug um viele Facetten des Themas auszuloten. Das düstere Bild, das der Film von den Menschen zeichnet, ist als eindeutige Warnung zu verstehen, die dem Regisseur offensichtlich sehr am Herzen liegt. Einzig Van De Merwe beginnt irgendwann zu begreifen, dass die „anderen“ auf der Erde nie eine Chance auf ein anständiges Leben hatten – ohne seine Infektion wäre ihm das aber auch egal gewesen.

„District 9″ wird kein Überraschungshit vom Schlage „Juno“ oder „Amelie“ werden, denn er wird sicher nicht allen Leuten gefallen. Die Story ist unbequem, die Machart zunächst gewöhnungsbedürftig, der Humor ist tiefschwarz und die Splatterszenen so drastisch, dass empfindliche Mägen hier völlig fehl am Platze sind. Ordentliche Zuschauerzahlen wird er trotzdem sicher erreichen, und das auch verdient. Denn der Film geht höhere Risiken und neuere Wege als die meisten Blockbuster des Sommers zusammen. Und man geht nicht raus und hat es hinter sich, man geht raus und hat etwas neues gesehen.

8/10

Inglourious Basterds

August 25, 2009

Wenn Quentin Tarantino einen neuen Film macht ist das immer eine gute Nachricht. Der Hype um seinen jüngsten Film war vor allem hierzulande besonders groß, immerhin war neben Tarantino für die Zeit des Drehs auch das mediale Dauerspektakel „Brangelina“ in Berlin zu Gast, mit entsprechendem Rauschen im Blätterwald. Und es ist ja auch kein Zufall, dass Tarantino seinen Film in Deutschland gedreht hat – auch wenn die vielen deutschen Schauspieler, die darin mitspielen, sicher auch mit ihm auf Reisen gegangen wären. Seit Donnerstag ist der Film nun hier im Kino zu bewundern. Und trotz vorheriger großer Skepsis seitens des Autors dieser Zeilen ist ‘bewundern’ wirklich das richtige Wort.

Denn was im Trailer noch wie ein wildes, brutales und schräges Guerilla-Kriegsfilmchen aussieht, in dem ein Horde Soldaten fleißig Nazi-Skalps einsammelt, entpuppt sich als vielfältiger, extrem witziger und subversiver Film. Die „Inglourious Basterds“, also die Bande US-Soldaten, die hinter feindlichen Linien Nazis jagt, ist schon mit drin im Film, bestimmt aber keineswegs voll und ganz das Geschehen oder die Erzählweise. Der Film ist in fünf Kapitel unterteilt, und beginnt mit einer einzigartigen Szene im ländlichen (und besetzten) Frankreich, in der gleich deutlich wird, was den Film über die gesamte Spielzeit ausmachen wird: Das Spiel mit Sprache. Oder besser mit mehreren Sprachen, als da wären Deutsch (sehr viel), Englisch (viel), Französisch (recht viel) und Italienisch (wenig, aber dann brüllend komisch).

Hans Landa, Oberst der SS und gespielt von Christoph Waltz, besucht eine Farm und beginnt die Konversation mit dem Hausherren in feinstem und feierlichem Französisch. Das Gespräch nimmt dann langsam eine dramatische Wendung, nachdem Landa (aus später plausibel werdenden Gründen) ins Englische wechselt. Tarantino spielt nicht nur in dieser Szene virtuos mit den Gefühlen des Publikums, indem er entscheidende Informationen lange zurückhält, um sie dann schleichend preiszugeben. Das Unbehagen im Publikum wächst in dieser Szene beträchtlich, und wäre man in einem Tarantino-Film nicht auf Tarantino-Momente (Stichwort „Bonny Situation) vorbereitet, wer weiss ob man nicht einfach das Weite suchen würde.

Nach der Vorstellung der „Basterds“ im zweiten Kapitel nimmt die Story dann richtig Fahrt auf. Im Mittelpunkt der Story steht die bevorstehende Premiere eines deutschen Propagandafilms in Paris. Der junge Kriegsheld und Hauptdarsteller Frederick Zoller (Daniel Brühl) macht einer jungen Französin und Theaterbesitzerin den Hof, und bemüht sich die Premiere in ihr kleines Kino zu verlegen. Was er nicht weiss, ist, dass die junge Dame Jüdin ist, und ihre eigenen Erfahrungen mit den Nazis gesammelt hat (zu sehen in Kapitel 1).

Auch die „Basterds“ kriegen Wind von der Veranstaltung, bei der neben Goebbels noch einige andere führende Nazis erwartet werden. Über eine Doppelagentin (Diane Kruger spielt den fiktiven Filmstar Bridget von Hammersmarck) wollen sich Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) und seine Waffenbrüder Zugang verschaffen und ihre ganz persönlichen Grüße ausrichten. Dagegen hat natürlich Oberst Landa etwas, der bei der ganzen Sache für Sicherheit sorgen soll… Und wie nebenbei sorgt auch der Film im Film „Stolz der Nation“ (ebenfalls mit Brühl in der Hauptrolle), eine groteske Ballerorgie um einen deutschen Scharfschützen, noch für ein paar ordentliche Lacher.

Bis hin zum infernalischen Finale des Films reiht Quentin Tarantino einige großartige Szenen aneinander, mischt derben Humor immer wieder mit unterschwelliger Spannung und zieht alle Register, um sein Publikum bei Laune zu halten. Die Erzählfäden laufen scheinbar mühelos auf den denkwürdigen Schluss zu. Tarantino, als Regisseur und Drehbuchautor quasi alleinverantwortlich für die Story, hat von dem 70er-Jahre-Streife des gleichen Namens nur den Titel und die Idee des Einsatzkommandos der besonderen Art übernommen.

Bemerkenswert und einzigartig ist die Darstellung der Nazis, die mit klassischen Historienkino nichts gemein hat. Christoph Waltz spielt den eloquenten mehrsprachigen Oberst und Charmeur Landa jenseits der bekannten „böser Nazi“-Klischees, als schillernden Bösewicht, der auch Überraschungen im Gepäck hat. Goebbels, gespielt von Sylvester Groth, ist eine überdrehte Karikatur seiner selbst. Auch Hitler kommt im Film vor, ebenfalls als Karikatur. Beiden Figuren dichtet der Film keine psychologischen Hintergründe an. Insgesamt hat Tarantino mit den üblichen Darstellungen der Nazis als entweder abgrundtief schlecht oder an der Massenhysterie der Zeit verderbte Schurken nichts am Hut. Den Gefallen, die Nazis verstehen zu wollen und ihren Irrsinn zu erklären tut ihnen der Regisseur wohlweisslich erst gar nicht. Wie schon in „Pulp Fiction“ und den „Kill Bill“-Filmen erschafft sich der Regisseur sein eigenes Universum, in dem eigene Regeln gelten.

Dass der Film an seinem Startwochenende u. a. in Deutschland und den USA mehr Geld eingespielt hat als jeder andere Film von Tarantino ist ihm zu gönnen, überrascht aber ein wenig. Immerhin müssen sich die Amerikaner zu rund zwei Dritteln mit Untertiteln herumplagen, was sie traditionell nicht gerne tun. Und mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film auch recht lang geworden. Vielleicht war es die Starpower von Brad Pitt, die ein wenig nachgeholfen hat, vielleicht der seit der Premiere in Cannes bestehende Medienrummel. Vielleicht ist aber auch das Publikum von „Inglourious Basterds“ schlicht begeistert, und die Mund-und-Twitter-Propaganda tat ihr übriges. Dafür späche z. B., dass die IMDB-User den Film mit einer durchschnittlichen Bewertung von 8,7 bereits unter die Top 50 aller Zeiten gewählt haben.

9/10

Observe and Report (Shopping Center King)

August 3, 2009

Der Schauspieler Seth Rogen ist etwa seit zwei Jahren ‘everybody’s darling’, wenn es um Komödien geht. Mit „Superbad“ und vor allem „Knocked Up“ wurde er zum Star zahlreicher Filme aus dem Umfeld von Regisseur und Produzent Judd Apatow. Für „Pineapple Express“ und „Superbad“ schrieb er auch an den Drehbüchern mit. Und tatsächlich ist Rogen echt komisch. Oder besser: kann komisch sein. Denn in seinem letzten Film „Observe and Report“ gibt es eigentlich überhaupt nichts zu lachen, und das ist für eine selbsterklärte Komödie nicht so gut.

Rogen spielt Ronnie, den ‘Head of Security’ in einer großen Mall. Ronnie träumt von einer glorreichen Karriere als Cop, und wie es scheint ist die Gelegenheit günstig – erst macht ein Exhibitionist die Mall unsicher, indem er ungefragt Frauen seinen Schniedel zeigt, dann wird auch noch eingebrochen. Ronnie setzt alles daran, die Täter zu fassen.

„Oberserve and Report“ macht bei der ganzen Sache leider einen grundlegenden Fehler. Denn Ronnie ist kein liebenswerter Loser, sondern schlichtweg ein erbärmliches und dummes Arschloch. Seine primitive Art, seine verzerrte Wahrnehmung der Realität, sein abstoßender Umgang mit anderen – alles nicht komisch. Wenn aber die Hauptfigur unsympathisch ist, und sich auch sonst keine Sympathieträger finden, dann stellt sich die Frage worüber man lachen soll. Ray Liotta etwa ist als echter Cop dabei, und seine Rolle hätte durchaus als (lustiger) Gegenpart zu Ronnie angelegt werden können. So aber ist er nur eine von vielen ätzenden Figuren, die lustlos überzeichnet sind und keinerlei Interesse wecken. Man möchte all diese Gestalten einfach nicht sehen.

Es gibt andere Filme, in denen die Figuren allesamt eher negativ gezeichnet sind, und die trotzdem funktionieren. Siehe etwa „Rules of Attraction“ – aber das war auch eher ein satirisches Drama als eine Komödie. „Oberserve and Report“ hat zwar ebenfalls durchaus satirische Tendenzen (etwa in der Figur von Ronnies Mutter), kommt aber vom Ton her doch wie eine normale Komödie rüber. Mit dem Ergebnis, dass dem Publikum statt Lachern eine Überportion Fremdschämen serviert wird, die aber nicht mal Fans von „American Pie“ und Konsorten erfreuen wird. Ausnahmen bestätigen in Form einiger lustiger Szenen die traurige Regel. Insgesamt: „Thema verfehlt, setzen, sechs!“.

2/10

Brüno

Juli 15, 2009

Selten habe ich im Kino soviel gelacht wie bei „Borat“, Sacha Baron Cohens erstem Kinofilm. Der treudoofe Möchtegern-Kasache lieferte auf seiner Reise durch die USA eine herrliche Nummerrevue ab, bei der kein Auge trocken blieb. Nun ist Cohens nächste Kunstfigur aus der „Ali G Show“ an der Reihe, der betont schwule Österreicher Modefuzzi Brüno. Auch ihn zieht es in die USA, wo er ein großer Star werden will. Dafür ist er sich – bei Cohen kein Wunder – für nichts zu schade, was ihn und seine unfreiwilligen „Helfer“ in die haarsträubensten Situationen bringt.

Doch leider geht die Rechnung diesmal nicht so gut auf wie mit „Borat“. Cohen ist selbst zu bekannt, um noch echte Showgrößen oder Politiker in seine peinlichen Späße zu verwickeln. Und die Figur „Brüno“ taugt auch nicht so gut zum Entlarven finsterer Fakten des US-amerikanischen Alltags. So teilt sich der Film in etwa zur Hälfte in gelungene Lachnummern und zu inszeniert wirkende Situationen, dazu kommen ein paar richtig derbe Szenen, die eindeutig unter die Gürtellinie gehen.

Wenn Brüno etwa bei einem Wahrsager Kontakt mit Milli von Milli Vanilli sucht, sich von einer Charity-PR-Agentur beraten lässt, bei einer christlichen Kirche zum Hetero umerzogen werden möchte oder Eltern befragt, was er mit ihren Schauspieler-Kindern alles anstellen darf ist der Film brüllend komisch und provoziert blankes Entsetzen bei seinem Publikum. Weniger gelungen ist dagegen Brunos Versuch, im nahen Osten Frieden zu stiften, sein Jagd-Ausflug mit drei Hinterwäldlern und so manches mehr.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die „Dramaturgie“ des Films. Dass die – dem Publikum weitgehend bekannte – Kunstfigur Bruno berühmt werden will dient als Aufhänger für die meisten Szenen, kommt aber an die schlitzohrige Naivität von „Borat“ nicht heran. Zudem ist Brüno auch weniger sympathisch als der trottelige Kasache, was Cohen auch mit ganzem Körpereinsatz nicht überspielen kann. Insgesamt also keine Offenbarung, aber immer noch mit einigen großen Lachern.

7/10

The Man from London (DVD)

Juni 11, 2009

Im Videodrom in Kreuzberg gibt es so viele Filme, da muss man sich nicht schämen, wenn man mal daneben greift. Wenn einem das Schicksal nicht wohl gesonnen ist, kann z. B. auch ein 135 Minuten langer Film dabei rauskommen, in dem GENAU GAR NIX passiert. In ellenlangen Einstellungen zeigt der Film, wie sich aus dem vermeintlichen Plot eine Meditation über ellenlange Einstellungen entwickelt. Nach dem wie, wo und warum mag man schnell gar nicht mehr fragen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir gestern die ersten drei Menschen in Deutschland waren, die den Film bis zum Ende gesehen haben. Wenn unser Leiden einen Sinn gehabt haben soll, dann bitte diesen: Dass wir die einzigen UND letzten waren, die ihre Zeit mit diesem langatmigen Haufen Büffelkotze verschwendet haben.

Falls es doch jemand nicht lassen konnte: Don’t even ask me what the f**k it was all supposed to mean. Oder anders formuliert: Manche Fragen stellt man nicht!

1/10

The Limits of Control

Juni 3, 2009

Über seinen neuen Film „The Limits of Control“ sagte Jim Jarmusch höchstselbst: „I always wanted to make an action film with no action..“. Und damit hat er nicht ganz unrecht, wobei noch ein paar andere Zutaten von klassischen Actionfilmen fehlen als nur die Action selbst. Der Film beginnt mit seinem namenlosen, wortkargen ‘Held“, gespielt von Isaach den Bankolé (Jarmusch-Fans kennen ihn als Eisverkäufer Raymond in „Ghost Dog“), der an einem Flughafen einen mysteriösen Auftrag erhält. Die Reise führt ihn nach Spanien, wo er auf verschiedenen Stationen weitere Instruktionen erhält. Die wiederum werden in Strichholzschachteln verpackt und ausgetauscht, bis das Ziel der Reise erreicht ist.

Der Film hat durchaus hypnotische Qualitäten, schon wegen seiner monotonen Art, beständig in langen Einstellungen dieselben Rituale zu zeigen. Morgendliches Yoga, der Gang ins Cafe, zwei Espresso, Austausch der Informationen. Hin und wieder taucht eine „Kollegin“ auf, immer nackt und gespielt von Paz de la Huerta. Jede namenlose Kontaktperson, die der namenlose Killer(?) trifft, spricht ein bestimmtes Thema an – Kino, Drogen, Wissenschaft oder Kunst – und am Ende begegnen ihm diese Themen auf unerwartete Weise noch einmal wieder. Die für Jarmusch untypischen Bilder eines sonnigen Spanien (muss hier jemand an Woody Allens „Vicky Christina Barcelona“ denken?) verlieren als Kunstgriff häufig noch ihre Schärfe und lullen das Publikum dadurch noch weiter in die einsame Reise des Helden ein.

Nach den auch im Mainstream erfolgreichen Filmen „Ghost Dog“ und „Broken Flowers“ verweigert sich Jarmusch bei „The Limits of Control“ vehement allen Rezepten für „erfolgreiches“ Kino. Der Film ist konsequent wortkarg und gefällt sich in Anspielungen und Wiederholungen. Die Frage nach dem „Warum?“ verliert zunehmend an Bedeutung, je weiter die Handlung (wenn man sie denn so nennen will) fortschreitet. Der Film läuft nicht gänzlich ins Leere, ist aber spürbar mehr am Fluss des Geschehens interessiert als an Motiven oder Figuren.

Was uns Jim Jarmusch mit dem Film eigentlich sagen will? Ich weiss es nicht. So losgelöst von Konventionen und Stereotypen kann es eigentlich nur um das Geschichtenerzählen selbst gehen. Einige sich wiederholende Zitate des Films gewähren Einblick in das Innenleben der Handlung, doch eine klare Antwort geben sie nicht. Spuren, Hinweise, Andeutungen und Film- bzw. Literaturzitate gibt es genug, um dem Film eine Doktorarbeit zu widmen. Und so ein bißchen scheint das auch Jarmuschs Plan gewesen zu sein – einfach mal knapp zwei Stunden in wohlüberlegten Rätseln zu sprechen. Wer den Regisseur vorher geschätzt hat, wird den „Limits of Control“ sicher etwas abgewinnen können (und sei es nur die Tiefenentspannung, die den Autor dieser Zeilen beinahe in den Schlaf befördert hat), alle anderen sollten es einfach gleich sein lassen.

7/10

Crank 2 – High Voltage

April 29, 2009

Chev Chelios (Jason Statham) fliegt am Ende des ersten Teils aus einem Flugzeug und landet eher unsanft auf der Straße. Man durfte eigentlich davon ausgehen, dass der gute Mann die irrwitzige und brutale Handlung von „Crank“ nicht überlebt hat. Es wäre sein gutes Recht gewesen. Den Produzenten des Films war das herzlich egal, bei dem Erfolg des Films wollten sie eine Fortsetzung. Ein gutes Zeichen, dass die beiden Regisseure und alle wichtigen Hauptdarsteller ebenfalls wieder dabei sind.

Die Erwartungen an den Film sind einfach erklärt. „Crank“ war übertrieben, der Nachfolger muss noch mehr übertreiben. „High Voltage“ nimmt sich noch weniger ernst als Teil eins, und bezeichnet dessen Handlung per eingeblendetem Nachrichtensprecher augenzwingernd als „implausible events“. Eben äußerst unwahrscheinlich. Weiter im Text geht es mit Chelios auf dem OP-Tisch, finstere Gesellen nehmen ihm das Herz raus und implantieren künstlichen, strombetriebenen Ersatz. Bevor sie weitere Organe entnehmen können platzt Chelios der Kragen und nimmt Reißaus. Er will sein Herz wiederhaben, muss sich dabei aber regelmäßig unter Stom stellen, um die künstliche Pumpe am Leben zu halten.

Und auf geht die wilde Fahrt durch die Unterwelt von LA, in Stripschuppen, zur Pferderennbahn und quer durch die Stadt. Neben Amy Adams ist diesmal auch Bai Ling als scharfzüngiges Callgirl dabei, einige Figuren aus dem ersten Teil kehren ebenfalls wieder. Die Erzählung wird immer wieder ironisch gebrochen, mit kleinen Filmchen über die Funktionsweise des Kunstherzens, einer Rückblende zu Chelios Kindheit oder für eine kleine Hommage an die alten Godzilla-Streifen aus Japan. Der lärmende, zuweilen aber auch eher lustige Score des Films stammt von Mike Patton, dessen exzessive Ader zum allgemeinen Getöse des Films sehr gut passt.

Zuweilen ähnelt „Crank 2″ eher einem Computerspiel wie „Grand Theft Auto“ als einem Actionfilm. Die Handlung ist alles andere als linear und in sich schlüssig, es ist eher so, dass die Hauptfigur bestimmt, wo als nächstes der Baum brennt. In punkto Brutalität und Sex legt der Film auch noch mal eine Schippe drauf, wobei einiges wirklich lustig, anderes (gewollt) geschmacklos rüberkommt. Die Zielgruppe des Films (junge Männer) wird es freuen, ihr geht es ohnehin um sinnlose, übertriebene Action mit ein bißchen Humor. Und davon liefert „Crank 2″ in den gut 90 Minuten Spielzeit eine ganze Menge

7/10

PS: Die Begründung der US-Altersfreigabe liest sich fast wie eine Zusammenfassung: „Rated R for frenetic strong bloody violence throughout, crude and graphic sexual content, nudity and pervasive language“ ‘Nuff said…

Knowing

April 22, 2009

Im Cinestar am Potsdamer Platz laufen ja irgendwie immer drei Monate lang die gleichen Trailer. In der Heavy Rotation war in diesem Winter auch der Trailer zu „Knowing“, und irgendwie hat er mich neugierig gemacht. Es geht, soviel wird darin verraten, um einen vor 50 Jahren geschriebenen Zettel mit Zahlen drauf – die alle großen Katastrophen der Erde exakt vorhersagen. Dieser Zettel fällt Uni-Professor John Koestler (Nic Cage) in die Hand, der zunächst als einziger an die Bedeutung der Zahlen glaubt. Und dummerweise stehen auf dem Zettel noch drei Einträge für die Zukunft, Katastrophen, die John zu verhindern versucht.

Woher das kleine Mädchen, das den Zettel vor 50 Jahren schrieb, diese Daten wissen konnte ist natürlich auch so eine Frage. Hier betritt „Knowing“ dann – zunächst im Gewand übersinnlichen Horrors – Fantasy-Territorium. Dazu kommt ein Vater-Sohn-Drama und eine ordentliche Portion Katastrophenfilm. Es geht also einiges in diesem Film, was eine gute und auch eine schlechte Nachricht ist. Gut, weil ein paar wirklich gelungene Szenen dabei sind und der Film nie langweilig wird. Schlecht, weil „Knowing“ insgesamt aber etwas unfokussiert daher kommt.

Nicolas Cage meistert seine Rolle als melancholisch-zweifelnder alleinerziehender Vater und Held der Geschichte gut, ist in fast jeder Szene zu sehen, und hält sich schauspielerisch weitgehend zurück. Die Besetzung der Nebenrollen ist ebenfalls gelungen, wichtiger noch sind allerdings die zwei zentralen Kids der Story. Die zwei ersten großen Action-Höhepunkte sind eindrucksvoll und bildgewaltig inszeniert, beim Finale des Films wird dann schon deutlicher, dass sich „Knowing“ mit dem relativ bescheidenen Budget von $ 50 Mio. tricktechnisch nicht mit „Star Wars“ und Konsorten messen kann.

Ob nun als Horrorfilm mit Anleihen bei Fantasy, als Endzeitthriller mit eingebautem Familiendrama oder einfach als Unterhaltungskino, „Knowing“ macht durchaus Spaß und flüchtet sich auch nicht mit einem von M. Night Shyamalans Taschenspielertricks aus den Kniffen der Story. Das ganz große Vergnügen ist der Film trotzdem nicht, aber Regisseur Alex Proyas („Dark City“, „I, Robot“) könnte sich von mir aus ruhig häufiger an großen Hollywood-Stoffen versuchen. Ein Langweiler wie „The Day the Earth Stood Still“ wäre ihm sicher nicht passiert…

6/10

PS: Es mag am Kino gelegen haben, aber ich habe selten so lauten Sound erlebt wie in diesem Film. Selbst bei eigentlich kleineren Szenen und Effekten gab es hier aber mal so richtig was auf die Ohren.