Archiv für die Kategorie ‘Großes Kino!’

Moon (DVD-Import)

09/11/2009

Unsere Welt in naher Zukunft: Wasserstoffreserven, die auf der dunklen Seite des Mondes gewonnen werden, haben das globale Energieproblem klimafreundlich gelöst. Von einer Mondbasis werden die Energieträger zur Erde geschickt. Einziger Angestellter der Basis ist Sam Bell (Sam Rockwell), dem ein mobiler Computer (oder besser eine künstliche Intelligenz) namens GERTY Gesellschaft leistet. Sams Dienst auf dem Mond ist fast vorbei, nach fast drei Jahren freut er sich auf ein Wiedersehen mit seiner Familie.

Soweit die Ausgangssituation von „Moon“, viel mehr kann über die Story nicht verraten werden, ohne zuviel vorweg zu nehmen. Dass Sam einen Unfall mit einem der Mond-Vehikel hat sei noch gesagt, und GERTY ihn gesund pflegen muss. Und dass nach diesem Unfall die Gesamtsituation in einem völlig anderen Licht erscheint. Der Film folgt dabei einer stringenten inneren Logik, die sich dem Publikum Stück für Stück erschließt.

Für Sam Rockwell ist „Moon“ eine One-Man-Show, bis auf ein paar Figuren, die in Videobotschaften auftauchen ist er der einzige Charakter. Der Schauspieler, der in vielen Filmen mitspielte („The Green Mile“, „Matchstick Men“, „Confessions of a Dangerous Mind“) ohne je wirklich zum Star zu werden, spielt Sam in allen Nuancen überzeugend. Sam ist kein Held oder Genie, sondern ein einfacher Kerl in einem außergewöhnlichen Job. GERTY wird von Kevin Spacey gesprochen, der dem Computer mit seiner angenehmen, mitfühlenden Stimme so etwas wie eine Persönlichkeit verleiht.

Für einen Science-Fiction-Film hat „Moon“ nur wenige Special-Effects, kommt ohne Aliens und mit einem Minimum an Raumschiffen aus. Dafür bietet er eine gute Story. Das sagt sich zwar leicht, ist aber gerade im Sci-Fi-Bereich selten. Neben der Story ist auch die Umsetzung sehr gelungen, das Timing stimmt ebenso wie die Dialoge und das Set-Design (ein Großteil des Films spielt im bewohnbaren Teil der Mondbasis). Einen Kinostart abgesehen vom Fantasy Filmfest wird der Film hierzulande leider nicht mehr erleben, einen regulären DVD-Release wird es aber irgendwann geben. Die UK-Version ist bereits über Amazon Deutschland direkt zu bestellen, als DVD und BluRay.

8/10

Der fehlt ja auf meiner Top-100-Liste, aber…

22/09/2009

.. ist trotzdem großes Kino: „Mission: Impossible“. Brian DePalmas Agententhriller mit Tom Cruise von 1996 macht so richtig Spaß, wie ich gerade mal wieder feststelle. Wenn werte Nachbarn mit DVD-Sammlung im Urlaub sind greift man eben auch mal zu, und nicht immer nur daneben. Der Film ist so einfach wie clever gemacht: drei große Szenen (Prag, Langley, Eurocity), von ein paar kleineren Szenen zusammengehalten, können einen astreinen Film ergeben.

Es sind die einfachen, aber extrem wirkungsvollen Zutaten, die „Mission: Impossible“ zu einem unterhaltsamen 007-Ersatz machen. Ein paar Agenten-Gimmicks, zwei bis drei Plot-Twists, sorgfältig geplante Einbrüche, und ein Bösewicht aus den eigenen Reihen. Sicher keine Offenbarung, aber eben gut gemacht und mit dem richtigen Gespür fürs Genre. Girls, guns, gadgets! Und nicht ganz unwichtig: es ist ein schmaler Grad zwischen Agententhriller und Agentenkomödie. Letztere gehen meist schief, erstere können aber auch nur funktionieren, wenn man die Zutat „Ernst“ mit Augenmaß verwendet. Schließlich ist kaum ein Genre so sehr der Phantasie des Zuschauers verpflichtet, schon weil der ‘Plot’ häufig eine Menge Phantasie seitens des Zuschauers erfordert…

District 9 [Spoilers!]

11/09/2009

Die Vorschusslorbeeren für „District 9″ waren groß, neben dem guten US-Kinostart hat sich der Film auch beim Publikum extrem beliebt gemacht und es gleich in die Top 250 der IMDB gebracht. Weil man das Momentum mitnehmen wollte hat sich Sony Pictures, der hiesige Verleih des unabhängig produzierten Films, entschieden den Kinostart vorzuziehen, vom 22. Oktober auf den 10. September. Der große Saal im Cinestar am Potsdamer Platz war dann auch gut gefüllt, allerdings längst nicht so brechend voll wie jüngst bei den „Inglourious Basterds“.

„District 9″ gibt sich zu Beginn als Dokumentation aus, in Interviews und wackligen Fernsehbildern erfährt das Publikum, was eigentlich los ist. Folgendes ist los: Ein Raumschiff mit mehreren Hundertausend Aliens ist über Johannesburg zum Stillstand gekommen. Was die Aliens – wenn überhaupt irgendwas – auf der Erde wollten ist unklar. Mangels Alternativen werden die unfreiwilligen Erdbewohner in einem abgezäunten Bezirk untergebracht, der schnell zum Ghetto gedeiht. Die Behörden sind überfordert und beauftragen einen Waffenkonzern mit der Evakuierung der Aliens in ein außerhalb der Stadt gelegenes Gebiet.

Diese Operation soll Wikus Van De Merwe leiten, ein redseliger, etwas unbeholfener Angestellter des Konzerns MNU, und zufällig Schwiegersohn von dessen Boss. Die Zwangsumsiedlung gerät zu einer brutalen Farce, bei der sich Van De Merwe eine Art Alien-Virus einfängt – er mutiert schrittweise selbst zum Alien. Hier ändert sich die Perspektive, nicht mehr pseudo-dokumentarische Archivaufnahmen bestimmen das Geschehen, sondern eher klassische Einstellungen. Van De Merwe wird zum Versuchskaninchen seines Arbeitgebers, der auf Erkentnisse hofft, wie man die konfeszierten Waffen der Aliens endlich auch für Menschen nutzbar machen kann. Van De Merwe kann fliehen und sucht im Ghetto von „District 9″ nach einem Ausweg.

Vom Ton her erinnert der Film ein wenig an Verhoevens „Starship Troopers“, auch hier wird an beißender Satire nicht gespart. Der Hass der Militärs und auch der Bürger der Stadt auf die ungewollten neuen Nachbarn kennt schnell keine Grenzen mehr, kaum jemand stört sich an dem erbärmlichen Ghetto-Dasein, in das die Aliens gezwungen werden. Erst durch die „Verwandlung“ der Hauptfigur ändert sich der Blick auf die Lage. Das Publikum fiebert mit Van De Merwe mit, dem als Verbündete ja nur die Aliens bleiben, wenn er nicht auf dem Seziertisch seiner Bosse landen will. Hier wird „District 9″ dann zu einem eher konventionellen Actionfilm, ohne aber seinen scharfen Ton zu verlieren.

Weil er ohne bekannte Schauspieler auskommt und offenbar sehr günstig in Johannesburg und Neuseeland drehen konnte, reichte dem Regisseur Neil Blomkamp ein Budget von $ 30 Mio., um seine Story zu realisieren. Die Effekte sind trotzdem überzeugend, Raumschiff und Aliens sind erstklassig umgesetzt. Die Thematik von Apartheid (ausgerechnet in Johannesburg) am Beispiel einer Alien-Invasion aufzugreifen ist mutig, und das Drehbuch clever genug um viele Facetten des Themas auszuloten. Das düstere Bild, das der Film von den Menschen zeichnet, ist als eindeutige Warnung zu verstehen, die dem Regisseur offensichtlich sehr am Herzen liegt. Einzig Van De Merwe beginnt irgendwann zu begreifen, dass die „anderen“ auf der Erde nie eine Chance auf ein anständiges Leben hatten – ohne seine Infektion wäre ihm das aber auch egal gewesen.

„District 9″ wird kein Überraschungshit vom Schlage „Juno“ oder „Amelie“ werden, denn er wird sicher nicht allen Leuten gefallen. Die Story ist unbequem, die Machart zunächst gewöhnungsbedürftig, der Humor ist tiefschwarz und die Splatterszenen so drastisch, dass empfindliche Mägen hier völlig fehl am Platze sind. Ordentliche Zuschauerzahlen wird er trotzdem sicher erreichen, und das auch verdient. Denn der Film geht höhere Risiken und neuere Wege als die meisten Blockbuster des Sommers zusammen. Und man geht nicht raus und hat es hinter sich, man geht raus und hat etwas neues gesehen.

8/10

Listen, Listen, Listen…

05/09/2009

Film-Listen sind schon was feines. Vor allem dann, wenn sie von jemandem zusammengestellt werden, auf dessen Meinung man was gibt. Auf Quentin Tarantino trifft das (zumindest in meinem Fall) zu, schon weil der Kerl dafür bekannt ist jährlich hunderte Filme zu sehen. Für LAWeekly.com hat Tarantino nun mal eine solche Liste erstellt – nicht die All-time Top 100, sondern seine 20 Favoriten der letzten 17 Jahre. Warum gerade der letzten 17 und nicht etwa 20 Jahre vermag ich nicht zu erklären, aber was solls.

Schön zu sehen, dass in der Liste (hier der Link dahin) auch Linklaters „Dazed and Confused“ dabei ist. Ansonsten finden sich ein paar Kandidaten, die man hätte vermuten können („Lost in Translation“, „Fight Club“), und eine Menge asiatischer Filme, von denen die wenigsten hierzulande ein größeres Publikum gefunden haben. Ich kenne jedenfalls nur „Battle Royale“ (QT’s Nummer eins) und „Joint Security Area“, der wirklich lohnenswert ist. Aber was nicht ist kann ja noch werden, und im Videodrom hier um die Ecke gibts ja eigentlich nichts, was es nicht gibt..

Inglourious Basterds

25/08/2009

Wenn Quentin Tarantino einen neuen Film macht ist das immer eine gute Nachricht. Der Hype um seinen jüngsten Film war vor allem hierzulande besonders groß, immerhin war neben Tarantino für die Zeit des Drehs auch das mediale Dauerspektakel „Brangelina“ in Berlin zu Gast, mit entsprechendem Rauschen im Blätterwald. Und es ist ja auch kein Zufall, dass Tarantino seinen Film in Deutschland gedreht hat – auch wenn die vielen deutschen Schauspieler, die darin mitspielen, sicher auch mit ihm auf Reisen gegangen wären. Seit Donnerstag ist der Film nun hier im Kino zu bewundern. Und trotz vorheriger großer Skepsis seitens des Autors dieser Zeilen ist ‘bewundern’ wirklich das richtige Wort.

Denn was im Trailer noch wie ein wildes, brutales und schräges Guerilla-Kriegsfilmchen aussieht, in dem ein Horde Soldaten fleißig Nazi-Skalps einsammelt, entpuppt sich als vielfältiger, extrem witziger und subversiver Film. Die „Inglourious Basterds“, also die Bande US-Soldaten, die hinter feindlichen Linien Nazis jagt, ist schon mit drin im Film, bestimmt aber keineswegs voll und ganz das Geschehen oder die Erzählweise. Der Film ist in fünf Kapitel unterteilt, und beginnt mit einer einzigartigen Szene im ländlichen (und besetzten) Frankreich, in der gleich deutlich wird, was den Film über die gesamte Spielzeit ausmachen wird: Das Spiel mit Sprache. Oder besser mit mehreren Sprachen, als da wären Deutsch (sehr viel), Englisch (viel), Französisch (recht viel) und Italienisch (wenig, aber dann brüllend komisch).

Hans Landa, Oberst der SS und gespielt von Christoph Waltz, besucht eine Farm und beginnt die Konversation mit dem Hausherren in feinstem und feierlichem Französisch. Das Gespräch nimmt dann langsam eine dramatische Wendung, nachdem Landa (aus später plausibel werdenden Gründen) ins Englische wechselt. Tarantino spielt nicht nur in dieser Szene virtuos mit den Gefühlen des Publikums, indem er entscheidende Informationen lange zurückhält, um sie dann schleichend preiszugeben. Das Unbehagen im Publikum wächst in dieser Szene beträchtlich, und wäre man in einem Tarantino-Film nicht auf Tarantino-Momente (Stichwort „Bonny Situation) vorbereitet, wer weiss ob man nicht einfach das Weite suchen würde.

Nach der Vorstellung der „Basterds“ im zweiten Kapitel nimmt die Story dann richtig Fahrt auf. Im Mittelpunkt der Story steht die bevorstehende Premiere eines deutschen Propagandafilms in Paris. Der junge Kriegsheld und Hauptdarsteller Frederick Zoller (Daniel Brühl) macht einer jungen Französin und Theaterbesitzerin den Hof, und bemüht sich die Premiere in ihr kleines Kino zu verlegen. Was er nicht weiss, ist, dass die junge Dame Jüdin ist, und ihre eigenen Erfahrungen mit den Nazis gesammelt hat (zu sehen in Kapitel 1).

Auch die „Basterds“ kriegen Wind von der Veranstaltung, bei der neben Goebbels noch einige andere führende Nazis erwartet werden. Über eine Doppelagentin (Diane Kruger spielt den fiktiven Filmstar Bridget von Hammersmarck) wollen sich Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) und seine Waffenbrüder Zugang verschaffen und ihre ganz persönlichen Grüße ausrichten. Dagegen hat natürlich Oberst Landa etwas, der bei der ganzen Sache für Sicherheit sorgen soll… Und wie nebenbei sorgt auch der Film im Film „Stolz der Nation“ (ebenfalls mit Brühl in der Hauptrolle), eine groteske Ballerorgie um einen deutschen Scharfschützen, noch für ein paar ordentliche Lacher.

Bis hin zum infernalischen Finale des Films reiht Quentin Tarantino einige großartige Szenen aneinander, mischt derben Humor immer wieder mit unterschwelliger Spannung und zieht alle Register, um sein Publikum bei Laune zu halten. Die Erzählfäden laufen scheinbar mühelos auf den denkwürdigen Schluss zu. Tarantino, als Regisseur und Drehbuchautor quasi alleinverantwortlich für die Story, hat von dem 70er-Jahre-Streife des gleichen Namens nur den Titel und die Idee des Einsatzkommandos der besonderen Art übernommen.

Bemerkenswert und einzigartig ist die Darstellung der Nazis, die mit klassischen Historienkino nichts gemein hat. Christoph Waltz spielt den eloquenten mehrsprachigen Oberst und Charmeur Landa jenseits der bekannten „böser Nazi“-Klischees, als schillernden Bösewicht, der auch Überraschungen im Gepäck hat. Goebbels, gespielt von Sylvester Groth, ist eine überdrehte Karikatur seiner selbst. Auch Hitler kommt im Film vor, ebenfalls als Karikatur. Beiden Figuren dichtet der Film keine psychologischen Hintergründe an. Insgesamt hat Tarantino mit den üblichen Darstellungen der Nazis als entweder abgrundtief schlecht oder an der Massenhysterie der Zeit verderbte Schurken nichts am Hut. Den Gefallen, die Nazis verstehen zu wollen und ihren Irrsinn zu erklären tut ihnen der Regisseur wohlweisslich erst gar nicht. Wie schon in „Pulp Fiction“ und den „Kill Bill“-Filmen erschafft sich der Regisseur sein eigenes Universum, in dem eigene Regeln gelten.

Dass der Film an seinem Startwochenende u. a. in Deutschland und den USA mehr Geld eingespielt hat als jeder andere Film von Tarantino ist ihm zu gönnen, überrascht aber ein wenig. Immerhin müssen sich die Amerikaner zu rund zwei Dritteln mit Untertiteln herumplagen, was sie traditionell nicht gerne tun. Und mit gut zweieinhalb Stunden ist der Film auch recht lang geworden. Vielleicht war es die Starpower von Brad Pitt, die ein wenig nachgeholfen hat, vielleicht der seit der Premiere in Cannes bestehende Medienrummel. Vielleicht ist aber auch das Publikum von „Inglourious Basterds“ schlicht begeistert, und die Mund-und-Twitter-Propaganda tat ihr übriges. Dafür späche z. B., dass die IMDB-User den Film mit einer durchschnittlichen Bewertung von 8,7 bereits unter die Top 50 aller Zeiten gewählt haben.

9/10

Meine Top 100…

19/08/2009

… sind jetzt tatsächlich mal fertig geworden. Wie bereits vor ein paar Wochen angekündigt gibt es keine Reihenfolge hinter den ersten zehn, Kurzrezensionen für die einzelnen Filme werden von mir peu a peu ergänzt. Möglich ist, dass ich noch ein paar interessante Links ergänze – so sich denn welche aufdrängen…

Nur so nebenbei sei nochmal erwähnt, dass es sich um eine persönliche Liste handelt, die nur meinen Geschmack darstellt und sonst nix. Filmgeschichtlich gesehen müsste sicher eher „Star Wars“ dabei sein als „Beautiful Girls“, aber darum geht es nicht – schließlich fand ich „Star Wars“ immer lame, kann mir aber „Beautiful Girls“ immer wieder angucken.

Hier also endlich die komplette Liste mit ein paar Anmerkungen…

(mehr…)

Zerrissene Umarmungen (Los abrazos rotos)

11/08/2009

Der spanische Regisseur Pedro Almodovar ist seit fast 20 Jahren eine der wenigen festen Größen des europäischen Films, dessen Filme konstant ein größeres Publikum finden. Seine Geschichten drehen sich gerne um Familiengeheimnisse, falsche Identitäten und ungewöhnliche Beziehungen schillernder Figuren. Auch in seinem neuesten Film „Zerrissene Umarmungen“ sind all diese Zutaten zu finden.

Die Story beginnt mit einem Off-Kommentar von Matteo Blanco (Lluis Homar), einem ehemaligen Regisseur und Drehbuchautor, der den Künstlernamen Harry Caine angenommen hat. Caine ist vor Jahren erblindet – woran, das erfährt das Publikum erst nach und nach in Rückblenden. Caines Produzentin Judit und ihr Sohn Diego stehen Caine im Alltag bei und fungieren als Ersatzfamilie. Bald steht in Person eines jungen Mannes ein fast vergessenes Kapitel aus Caines Vergangenheit vor der Tür, und seine Errinnerungen an den schwerreichen Finanzier Ernesto Martel und seine schöne Geliebte, die Schauspielerin Lena (Penelope Cruz) bestimmen das Geschehen.

Mit vielen Rückblenden und einem doppelten ‘Film im Film’ (einer Komödie namens „Frauen und Koffer“ und einem Dokumentarfilm zu den Dreharbeiten, holt „Zerrissene Umarmungen“ erzählerisch weit aus. Die Geschichte dahinter bekommt, typisch für Almodovar, erst langsam schärfere Konturen, bietet aber auf dem Weg dahin einige wunderbare Szenen, die allein den Gang ins Kino lohnen. Neben den beiden großartigen Hauptdarstellern Penelope Cruz (hier wäre locker gleich der nächste Oscar verdient) und Lluis Homar sind auch die anderen Figuren des Films wunderbar gezeichnet, sind zuweilen skurril und witzig, aber im Kern immer zutiefst menschlich.

Vom komödiantischen Beginn über viele tragische und dramatische Momente bis hin zum alle Erzählstränge vereinenden Ende ist „Zerrissene Umarmungen“ großartiges Erzählkino, vom Regisseur meisterhaft und souverän inszeniert. Almodovar, der hier wie für die meisten seiner Filme auch das Drehbuch geschrieben hat, versteht es wie kein anderer Anspruch und Ernst mit Unterhaltung und herrlichem Witz zu verbinden, und dabei die Glaubwürdigkeit seiner Figuren zu wahren. Neben seinen übrigen, großartigen Filmen wie „Alles über meine Mutter“, „Sprich mit ihr“ oder „Volver“ braucht sich „Zerrissene Umarmungen“ nicht zu verstecken, und fügt dem ohnehin beeindruckenden Schaffen Almodovars eine weitere Perle hinzu.

9/10

IMDB Top 250 mal anders

05/07/2009

Nach dem „warum?“ frage ich hier mal nicht: Vodkaster.com hat die Top 250 von der InternetMovieDataBase zu einer U-Bahnkarte verarbeitet. Als PDF sieht das so aus, und dürfte bald im A1-Druck bei ein paar Filmgeeks an der Wand hängen…

State of Play (Stand der Dinge)

23/06/2009

Es mag daran liegen, dass ich zuletzt zuviele (Möchtegern)-Blockbuster mit beknackten Stories gesehen habe, aber ich halte „State of Play“ für einen der bisher besten Filme des Jahres. Der Film von Regisseur KevinMacDonald („Last King of Scotland“) ist ein packender, spannender und in sich schlüssiger Thriller. Er behandelt eine Vielzahl von Themen, wird den allermeisten gerecht, UND hat darüber hinaus glaubwürdige Figuren im Gepäck. Ich habe mir von dem Film nicht sonderlich viel erhofft, bin aber wirklich angenehm überrascht worden.

Überraschung Nr.1: Russel Crowe, der Last-Minute-Ersatz für Brad Pitt (siehe Interview hier), spielt groß auf. Ein Schauspieler von seinem Format könnte die Rolle eines engagierten Journalisten im Schlaf spielen. Aber Crowe hat offenbar wirklich Bock auf die Rolle gehabt, geht darin auf und verschafft seiner Figur eine echte Persönlichkeit. Davon profitiert natürlich der ganze Film und auch Crowes Kollegen, allen voran Rachel McAdams und Ben Affleck.

Überraschung Nr.2: Die Story von „State of Play“ hätte leicht in Hollywood-typisches Nonsens-Territorium abgleiten können. Doch trotz zahlreicher Twists bleibt das Geschehen plausibel. Überraschungen sind natürlich enthalten, aber der Film hat am Ende nicht vergessen, was er dem Publikum am Anfang erzählt hat. Es gibt auch keine ominöse, regierungsnahe Geheimorganisation, der man den schwarzen Peter zuschiebt. Die Story, dass muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, funktioniert. Ohne Anti-Materie und Giftmord…

Hier ist ein Polit-Krimi, der eindeutig im Hier und Jetzt spielt, aber nicht auf konkreten Tatsachen basiert. Die Themen sind breit gefächert: politische Korruption, modernes Söldnertum im Auftrag der Regierung (siehe die reale Firma Blackwater), der drohende Ruin der Printmedien, zwei scheinbar sinnlose Morde und der Kampf zweier Männer um eine Frau. Keine Einblendung will dem Publikum weissmachen, dass die Story real wäre. Der Film spricht ein Publikum an, das weiss, dass die Story realistisch ist.

Der Film beginnt mit drei Todesfällen. Nur einer davon macht zunächst Schlagzeilen, der von Sonia Baker. Baker war Assistentin des Kongressabgeordneten Collins (Affleck) und betrieb für einen Ausschuss Recherchen hinsichtlich des Geschäftsgebaren der Söldnerfirma PointCorp. Sie war außerdem Collins’ Geliebte, was für die Presse natürlich ein gefundenes Fressen ist. Weniger begeistert ist Collins Frau (Robin Wright Penn) von der ganzen Angelegenheit. Für den fiktiven „Washington Globe“ ist Cal McAffrey (Crowe) an der Story dran, der mit Collins und dessen Frau seit College-Zeiten befreundet ist. Wem soll McAffrey jetzt Loyalität beweisen, seinem Freund oder der Auflage seiner Zeitung?

Ebenfalls mit im Boot ist Rachel McAdams als Vorzeige-Bloggerin der Zeitung und damit Verkörperung der modernen (vorgeblich auf „Meinungen“ basierenden) Web-Medien, die aus ihrer (eigentlich undankbaren) Rolle das beste rausholt. „State of Play“ thematisiert ganz bewusst den andauernden Niedergang der Printmedien und beruft sich auf journalistischen Ethos und Traditionen. Der ganz große Wurf im politischen Journalismus, so in etwa lautet die Message, ist eben doch den hartnäckigen Profis vorbehalten. Zum Glück des Films lässt er aber auch anklingen, dass es essentiell um Insiderwissen und die besten Beziehungen in alle beteiligten Kreise geht.

Von der Inszenierung her ist „State of Play“ ein Zwitterwesen. Auf große Action wird verzichtet, ein wichtiger Todesfall findet abseits der Kamera statt. Schnitt und Musik wiederum geben mächtig Gas und schlagen ein flottes Tempo ein. Ruhepausen gönnt man sich selten, und nie ohne doch wieder in Fahrt zu kommen. Und genau das macht den Film aus, weil er bei hohem Tempo doch nie ins Stolpern gerät, nie den Faden verliert und am Ende immer noch zu überraschen vermag. „State of Play“ hat durchaus seine Schwachstellen, insgesamt aber ist er ein wunderbares Beispiel dafür, dass unterhaltsames Kino nicht dumm, und anspruchsvolle Unterhaltung nicht langweilig sein muss. Hut ab!

8/10

A Pervert’s Guide to Cinema (DVD)

06/04/2009

Filme über andere Filme sind ein schwieriges Unterfangen, wie ich finde. Ich gucke wirklich sehr gerne Filme, aber selbst bei meinen absoluten Favoriten kommt ein Blick auf die DVD-Extras, also Dokumentationen oder Kommentar des Regisseurs, selten vor. Was Leute über ihre eigenen Filme zu sagen haben ist selten echter Mehrwert.  Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek (http://de.wikipedia.org/wiki/Zizek)  hat mit dem „Pervert’s Guide to Cinema“ genau solchen Mehrwert geschaffen.

In knapp zweieinhalb Stunden erläutert Zizek (mit einem herrlichen Akzent) seine Gedanken zum Thema Film. Dabei geht es ihm vor allem um die Wahrnehmung des Geschehens durch den Zuschauer. Der „Pervert“ aus dem Titel ist dabei lediglich eine Anspielung auf die vielen unterbewussten Signale und Aussagen, die Zizek in den vorgestellten Filmen findet. Nicht jede seiner Ideen erschließt sich sofort, und doch ist der Film immer interessant und unterhaltsam, weil Zizek nicht trocken referiert, sondern mit Humor (und vor falschen Kulissen) vorträgt.

Die breite Filmauswahl hat mir sehr gut gefallen, mit Alfred Hitchcock und David Lynch stehen zwei Regisseure – oder besser ihre Werke – besonders häufig im Mittelpunkt, aber auch „Matrix“, „Die Klavierspielerin“ und Filme von Sergej Eisenstein sind mit dabei. Warum die „Vögel“ bei Hitchcock angreifen, warum bei Lynch so häufig extreme Bösewichter auftauchen, und warum Pornographie konservativ und albern sein MUSS, mit all diesen Fragen und mehr beschäftigt sich Zizek. Für alle, die am Medium Film über Zerstreuung und Unterhaltung hinaus Interesse haben, wird sich der Film auf jeden Fall lohnen – egal ob man  immer übereinstimmt oder nicht.

Einen regulären Kinostart gab es leider nicht, auch wenn der Film (der bereits 2006 entstand) im März in einigen deutschen Städten zu sehen war. Die DVD von „A Perverts’ Guide to Cinema“ kann auf der Homepage des Films bestellt werden, und ist nach Informationen der Seite auch im Berlin Bookshop in der Dresdner Str. in Kreuzberg erhältlich.

9/10